Unfollow your dreams? Ein Plädoyer für deine Lebensvision
„Jeder Mensch braucht einen Leitstern. Etwas, wovon er träumt. Das vielleicht nie so ganz eintreten wird, aber Orientierung in haltlosen Zeiten gibt. Ich glaube, ein jeder findet ihn in seinem Inneren.“
(Zitat aus meinem Buch „Aufbruch ohne Pfefferspray“)
Es gab eine Zeit in meinem Leben, da hatte ich vollständig die Orientierung verloren. Ich hatte keine Ahnung mehr, wer ich wirklich bin und wo ich hingehöre.
Eigentlich wusste ich nur noch, was ich nicht mehr will: in endlos langen Meetings sitzen, eine Beziehung, in der ich mich wie im Gefängnis fühlte, Chefs, denen ich nicht vertrauen konnte, Aufgaben, die mir total sinnlos erschienen …
Was mich durch diese Zeit getragen hat, war das Lauschen nach innen und die Frage: Wer bin ich eigentlich wirklich und wie will ich wirklich leben? Diese Frage hatte ich mir bis dahin nie gestellt.
Das war die Schwelle zu meiner Vision eines sinnhaften, natürlichen und selbstbestimmten Lebens. Einer Vision, die mir seitdem Halt, Kraft und Ausrichtung gibt und mich immer wieder aufstehen lässt, wenn es herausfordernd wird.
Vielleicht berührt mich auch deshalb der neue Trend in den sozialen Medien: In letzter Zeit lese oder höre ich immer wieder: “Unfollow your dreams!”
Befürworter:innen dieser Bewegung glauben, dass Visionen uns etwas vorgaukeln – dass sie uns einem Idealbild hinterherjagen lassen, das vielleicht nie Wirklichkeit wird. Sie sagen: Visionen hindern uns daran, präsent zu sein und dabei das Wichtigste im Leben zu verpassen – den jetzigen Moment.
Ich verstehe die Gedanken – wirklich. Aber für mich ist das nur die halbe Wahrheit. Ich bin überzeugt: Wir brauchen beides. Präsenz im Hier und Jetzt – und eine kraftvolle Vision, für die wir losgehen.
Auch aus Sicht der Forschung ist das kein Widerspruch. Die ACT-Forschung (Akzeptanz- und Commitment-Therapie) geht davon aus, dass mit dem gegenwärtigen Moment in Kontakt zu sein und gleichzeitig in Richtung dessen zu handeln, was uns wirklich wichtig ist, uns hilft, auch inmitten von Unsicherheit, Angst oder innerem Druck verbundener und handlungsfähiger zu bleiben.
Was ist eine Vision?
Das Wort Vision stammt vom lateinischen videre = sehen.
Im ursprünglichen Sinn bedeutet es eine innere Schau – ein Bild von etwas, das noch nicht Realität geworden ist.
Viele Menschen verwechseln eine Vision mit einem Ziel oder einem Plan. Andere fühlen sich von dem Wort Vision überfordert und empfinden Druck, weil sie es mit noch mehr Tun und noch mehr Leisten verbinden.
Geht es dir auch so? Dann kann ich dich beruhigen. Eine Vision ist weder ein Ziel noch ein Plan, denn beide haben eines gemeinsam: Sie entstehen in unseren Köpfen.
Eine Vision hingegen kommt aus unserem Herzen, das an eine höhere Intelligenz angebunden ist, die ich persönlich das „Leben“ nenne.
Und genau das beschreibt Darrel Combs, Medizinmann aus Oklahoma und einer meiner Lehrer, mit diesen Worten:
„Vision entsteht, wenn wir dem Leben so tief zuhören, dass es durch uns sprechen kann.“
Deine Vision ist dein innerer Kompass und Leitstern, nach dem du dein Leben von innen heraus ausrichtest. Nicht im Sinne von höher, schneller, weiter – sondern im Sinne von: tiefer, langsamer und näher zu dir. Weil es deiner Natur entspricht.
- Wie fühlt sich dein Leben an, wenn du in deiner Ruhe und deiner Kraft bist?
- Was sind deine natürlichen Lebensbedingungen, unter denen du so richtig aufblühst?
- Wer bist du und wie lebst du, wenn du ganz du bist?
Diese Fragen bringen dich deiner Lebensvision näher. Sie ist dein innerer Motor, um die zu werden, die du wirklich bist und ist von Anfang an als Same in dir angelegt.
Es geht also nicht um noch mehr Tun und noch mehr Leisten, sondern um ein Wiedererinnern an dein wahrhaftiges Sein. Es geht darum, Schritt für Schritt all das wegzulassen, was nicht wirklich dir entspricht.
Die indigene Sicht: Vision als Geschenk
Auch in vielen indigenen Traditionen ist eine Vision nichts, das wir uns selbst ausdenken, sondern etwas, das wir vom Leben geschenkt bekommen. Sie zeigt sich im Traum, im Rückzug, in der Natur – wenn wir mit allen Sinnen offen sind.
Besonders in der Visionssuche zeigt sich diese Haltung deutlich: Wir ziehen uns bewusst aus dem Alltag zurück, gehen in die Stille der Natur und öffnen uns für das, was jenseits von Ablenkung und Gewohnheit durch uns ins Leben kommen will.
Eine Vision zu haben ist also nicht mit Selbstoptimierung zu verwechseln. Sie ist eine Erinnerung an unseren Platz im Netz des Lebens.
„Vision bedeutet, uns zu erinnern, wie wir dazugehören.“
– Darrel Combs
Was eine Vision ausmacht
Ich verstehe Vision als einen inneren Ruf, der mir in der Tiefe entspricht, mich mit Sinn und Freude erfüllt und mich über meine inneren und äußeren Grenzen hinauswachsen lässt. Sie ist nie nur eine private Angelegenheit. Indem ich ihr folge, bringe ich auf meine ureigene Weise etwas in die Welt, das nur ich so geben kann. Freude ist dabei ganz wesentlich, denn ohne Freude wird auch die sinnhafteste Arbeit irgendwann schwer und wir verlieren den Antrieb.
Deine Vision darf sich unerreichbar anfühlen
Ja – deine Lebensvision darf sich für dich erst einmal unerreichbar anfühlen. Unbedingt! Wie eine große Sonne am Horizont. Etwas, das du noch sehen kannst, selbst wenn du mal im Dunkeln stehst. Gerade weil sie größer ist als du, hat sie die Kraft, dich immer wieder aufzurichten.
Viktor Frankl wusste um diese Kraft des Sinns: Ein inneres Wofür kann uns helfen, auch schwere Zeiten zu durchstehen. Auch die Forschung deutet darauf hin, dass ein starkes Erleben von Sinn und innerer Ausrichtung mit mehr Resilienz und innerer Stabilität zusammenhängt.
Und übrigens: Auf andere kann deine Vision ganz unspektakulär wirken.
Der Weg ist wichtiger als das Ankommen
Und hier kommt einer der wichtigsten Punkte:
Es geht nicht ums Ankommen. Vor allem geht es darum, loszugehen. Deinem inneren Ruf zu folgen. In deinem Tempo, in deinem Rhythmus. Dich auf deinen ureigenen Weg zu machen und dich dabei Schritt für Schritt zu der zu ent-wickeln, die ihre Vision leben kann.
Es geht darum, jeden Schritt auf deinem Weg zu würdigen. Auch die vermeintlichen Umwege, die wichtige Lernerfahrungen für dich bereithalten. Es geht darum, immer wieder innezuhalten und neu zu justieren und auch die Phasen der Orientierungslosigkeit zu ehren. Sie sind oft der Geburtskanal für deinen nächsten Schritt.
Vielleicht wirst du nie ganz bei deiner Vision ankommen. Kann sein.
Sicher wird sie sich auf dem Weg auch verändern – durch die kostbaren Lernerfahrungen, die du machen wirst. Aber ohne sie wärst du nicht losgegangen.
Du hättest dich nicht deinen Schatten gestellt. Nicht den Mut gefunden, weiterzugehen und über dich hinauszuwachsen.
Nur wer aufbricht, kann sich finden
Ich vergleiche die Wirkung unserer Vision gerne mit der eines Navigationsgeräts. Wenn wir dem Navi nicht sagen, wo wir hinwollen, wird es uns in die Irre führen. Wenn wir allerdings den Zielort eingeben, verrät das Navi uns immer nur den nächsten Schritt, maximal noch den übernächsten. Mehr braucht es nicht.
Und vielleicht werden wir nie den Ort erreichen, für den wir ursprünglich losgefahren sind. Vielleicht finden wir unterwegs einen Ort, der viel besser zu uns passt. Doch den haben wir nur gefunden, weil wir losgefahren sind!
Warum eine Vision insbesondere für Frauen wichtig ist
To-do-Listen. Ablenkung. Erwartungen anderer. Insbesondere für uns feinfühlige Frauen ist das ein großes Thema.
Wir spüren genau, was unser Umfeld braucht.
Wenn wir selbst keine kraftvolle Ausrichtung haben, verlieren wir uns schnell in den Fängen unseres Alltags.
Dann sind wir zwar beschäftigt – aber nicht verbunden. Unsere Lebensenergie hat keinen Fokus. Sie zerfließt in alle Richtungen.
Eine Lebensvision bringt Tiefe und Klarheit in unser Handeln.
Sie gibt unserem Leben Halt und Ausrichtung.
Sie hilft uns, dranzubleiben, wenn es schwierig wird.
- Wie willst du wissen, dass du auf deinem Weg bist, wenn du deine Vision nicht kennst?
- Wie willst du deinen nächsten Schritt erkennen, wenn du nicht weißt, wohin du gehst?
- Und wofür sollst du wieder aufstehen, wenn du hingefallen bist?
Mein Fazit: Unfollow your dreams? – Bitte nicht!
Präsent im Hier und Jetzt zu sein und eine kraftvolle Vision zu haben, schließen sich nicht aus. Im Gegenteil: Sie bedingen und nähren einander.
Doch deine Vision muss aus deinem Inneren kommen! Sie muss wahrhaftig dir und deiner Natur entsprechen. Dann wird sie dir helfen, deine Aufgabe und deinen Platz im Netz des Lebens zu finden.
Wenn du den Ruf spürst, für dich loszugehen und dich auf deinen ureigenen, natürlichen Weg zu machen, bin ich gern an deiner Seite: In meinen Medizinwanderungen, im Online-Raum „Wurzeln, Werte & Visionen“ und in meiner 1:1-Begleitung, bekommst du Raum für deine Neuausrichtung und die innere Stärke, deinen ureigenen Weg mutig zu gehen.
