Freies Schreiben – ein Weg zurück zu dir
“We write our true selves into existence.”
Cynthia Morris
Wie ich zum Freien Schreiben kam
Als ich begann, meinen Weg zu gehen, meldete ich mich zu einem Schreibkurs an der Volkshochschule an. Ich wollte dort lernen, kunstvolle, beeindruckende Texte zu schreiben. Bis dahin glaubte ich, ich könnte nicht schreiben. Das wollte ich ändern.
Es war mein typisches Muster damals: Ich tat vieles für das Außen, für „die anderen“.
An einem der Abende erwähnte die Kursleiterin die Morgenseiten nach Julia Cameron. Dabei geht es darum, morgens direkt nach dem Aufwachen Stift und Papier zur Hand zu nehmen und drei Seiten lang ungefiltert alle Gedanken aufs Papier zu bringen. Alles, was gerade da ist – ohne auf Rechtschreibung, Grammatik oder Vorlesbarkeit zu achten – die Texte müssen überhaupt keinen Sinn machen.
Das war das genaue Gegenteil von dem, wonach ich eigentlich gesucht hatte, und doch wusste ich sofort, dass ich es ausprobieren wollte. Ich ahnte zu dem Zeitpunkt nicht, dass genau dieses unerwartete Puzzleteil mein Leben maßgeblich beeinflussen würde.
Endlich hört mir jemand zu – und das bin ich selbst!
Damals arbeitete ich noch als Wirtschaftsingenieurin und Vorstandsassistenz und stand für die Morgenseiten von nun an extra früh auf. Ich war erstaunt darüber, wie gut es mir tat, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen – ohne innere Handbremsen und ohne die Angst davor, was andere denken könnten. Diese Erfahrung kannte ich bis dahin nicht. Sie war bahnbrechend für mich. Das ist mittlerweile über zehn Jahre her und die Morgenseiten sind geblieben.
Freies Schreiben als Anker im Leben
Alles, was ich heute lebe, ist zuerst aus mir heraus aufs Papier geflossen. Mit der Zeit hat sich diese Art zu schreiben verselbstständigt und weiterentwickelt. Ich nennte es mittlerweile das „Freie Schreiben“ und nutze es für ganz unterschiedliche Anliegen. Ich gehe damit in einen Dialog mit inneren Anteilen wie meinem inneren Kind oder mit Gefühlen wie meiner Angst – so erst heute Morgen wieder geschehen. Ich nutze das Schreiben auch, um mit Körperteilen oder Krankheiten, die sich melden, zu kommunizieren, etwa mit einer verspannten Schulter oder einer Migräne. Über das Freie Schreiben kommuniziere ich mittlerweile sogar mit meinem verstorbenen Vater und empfange Impulse aus der geistigen Welt.
Kurz gesagt: Das Freie Schreiben ist aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken.
Es bietet mir jeden Tag die Möglichkeit, mir selbst ein Stück näher zu kommen. Gerade in dieser Phase meines Lebens, in der ich pflegende Angehörige meiner Mutter bin, bewährt sich das Freie Schreiben als kostbare Ressource, die mir Kraft, Halt und Orientierung gibt.
Freies Schreiben ist wie schamanisches Reisen
Neulich hatte ich zum ersten Mal den Gedanken, dass das Freie Schreiben der Schamanischen Reise sehr ähnlich ist – nur ohne Trommel, dafür mit Stift und Papier. Denn auch das Freie Schreiben öffnet Türen in uns und zur feinstofflichen Welt und wir geraten, wenn wir die Methode richtig anwenden, in eine Art Trance, in der sich unsere Hand verselbstständigt. Wir schreiben nicht mehr, es schreibt durch uns.
„Die zwei Stunden sind wie im Flug vergangen, neun Seiten beschrieben worden und so viel Inneres ist in Bewegung gekommen. Meine Hand hat sich selbstständig gemacht. Das war eine tiefgehende Erfahrung.“
berichtete eine Teilnehmerin nach meinem Workshop „Schreib dich frei“.
Den geistigen Papierkorb leeren
Vor etwa fünf Jahren bin ich auf das indigene Volk der Kogi aufmerksam geworden, die zusammen mit Lucas Buchholz das Buch „Kogi – wie ein Naturvolk unsere moderne Welt inspiriert“ veröffentlicht haben.
Ein zentrales Thema der Kogi ist der bewusste Umgang mit ihren Gedanken. Für sie ist völlig selbstverständlich: Unsere Gedanken formen unsere Lebensrealität. Alles, was in unserer Welt existiert, war zunächst ein Gedanke.
Deshalb reinigen sie ihre Gedanken regelmäßig, um ihren Geist „in Ordnung“ zu bringen und auf der Welt dienliche Gedanken auszurichten. Das gehört für sie zum Alltag dazu – so wie wir täglich unseren Körper reinigen.
Wir denken bis zu 70.000 Gedanken am Tag und das meiste davon ist – entschuldige die Ausdrucksweise – Bullshit. Wir machen uns Sorgen um die Zukunft oder reisen mit unseren Gedanken in die Vergangenheit, die wir nicht ändern können.
Was liegt also näher, als regelmäßig unseren “geistigen Papierkorb” zu leeren, um Platz für uns stärkende Gedanken zu machen?
Die Kogi treffen sich dazu regelmäßig in ihrem Ritualhaus, um all ihre Gedanken auszusprechen – auch die unangenehmen. Die Versammlung dauert so lange, bis alles gesagt und geklärt ist. Das kann die ganze Nacht, manchmal sogar mehrere Tage dauern.
Freies Schreiben als Ritualraum
Als ich davon hörte, wurde mir klar, dass das Freie Schreiben einen sehr ähnlichen Effekt hat und dass ich das Ritual der Gedankenreinigung bereits auf meine Weise praktiziere. Schreiben ist für mich dabei auch eine Form von Verkörperung. Unsere Gedanken fließen aus unserem Geist, durch unseren Körper, durch unser ganzes System hindurch aufs Papier. Und indem wir sie schreiben, können sie aus unserem System entlassen werden.
Für mich ist das Freie Schreiben längst mehr als nur eine Methode. Es ist tatsächlich zu einem mir heiligen Ritual geworden. Ich setze mich bewusst hin, nehme mir Zeit und öffne einen Raum, in dem ich mir selbst begegne. In diesem Raum darf alles da sein, was gerade in mir ist – ungeordnet, roh, lebendig. Das ist unfassbar heilsam für mich.
Schreiben aus Sicht der Wissenschaft
Dass Schreiben eine heilsame und entlastende Wirkung haben kann, ist nicht nur meine persönliche Erfahrung, sondern inzwischen auch wissenschaftlich gut erforscht.
„Schreiben ist eine jederzeit verfügbare, bewährte Methode der Selbsthilfe – bei chronischer Krankheit, Lebenskrisen und um sich dauerhaft für das Leben in unserer schnelllebigen Gesellschaft zu wappnen“,
schreibt Dr. Birgit Schreiber in ihrem Buch „Schreiben zur Selbsthilfe“.
Zahlreiche Studien aus Psychologie und Medizin weisen ebenfalls darauf hin, dass Schreiben dabei unterstützen kann, belastende Erfahrungen zu verarbeiten, Gedanken zu ordnen und das eigene Wohlbefinden zu stärken. Hier noch einige weitere Effekte, die Forscher über das Schreiben herausgefunden haben und die ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann.
- Schreiben hilft, die eigene Stimme zu finden und diese auch zu erheben
- Wer schreibt, stärkt sein Ausdrucksvermögen, denkt effektiver und steigert seine Selbstwirksamkeit
- Schreiben macht Mut
- Schreiben schafft Verbindung zu sich selbst und zu anderen
- Schreiben führt, wenn es regelmäßig wie eine Meditation ausgeübt wird, zu mehr Gelassenheit und Seelenruhe
- Schreiben hilft, die Vergangenheit zu integrieren und eröffnet Perspektiven für die Zukunft
Der Weg ist das Ziel
Beim Freien Schreiben ist es ähnlich wie bei der Schamanischen Reise oder unserer Vision: Nicht das Ergebnis steht im Mittelpunkt, sondern der Weg dorthin, also der Schreibprozess. Schon der Akt des Schreibens an sich setzt etwas in Bewegung, das sich mit der Zeit in unserem Alltag bemerkbar macht. Gleichzeitig liegt es in unserer Verantwortung, die Impulse und Erkenntnisse, die wir beim Freien Schreiben empfangen, ernst zu nehmen und umzusetzen.
Schreibeinladung
Auch für das Freie Schreiben gilt: Wir können viel darüber reden, aber nichts geht über die eigene Erfahrung. Ich lade dich an dieser Stelle ein, das Freie Schreiben auszuprobieren.
Nimm dir dazu ein leeres DIN-A4-Blatt und einen Stift. Setz den Stift auf das Papier und beginne zu schreiben. Schreib einfach drauflos – alles, was in deinen Kopf kommt. Es muss überhaupt keinen Sinn machen.
Und wenn du nicht weißt, was du schreiben sollst, dann schreib genau das:
„Ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Ich weiß nicht, was ich schreiben soll.“
Schreib das so lange, bis ein neuer Gedanke auftaucht, den du dann aufgreifst.
- Achte NICHT auf Rechtschreibung und Grammatik.
- Du kannst NICHTS falsch machen.
- ALLES ist erlaubt – auch wenn die Sätze noch so skurril, sinnlos oder kindisch sind. Es ist EGAL.
- Du darfst jammern, lästern, protzen, schimpfen. Lass einfach alles raus, was in dir ist.
- Setze den Stift zwischendurch nicht ab. Schreib einfach immer weiter.
- Wenn du ins Stocken kommst, schreib: „Ich weiß nicht weiter, ich weiß nicht weiter.“ Irgendwann wird ein neuer Gedanke auftauchen.
- Schreibe so lange, bis die Seite voll ist.
- Alternativ kannst du dir auch eine Stoppuhr stellen und so lange schreiben, bis die Zeit um ist.
- Beginne anfangs mit maximal zehn Minuten.
Und dann lass das Geschriebene einfach wirken, ohne etwas tun oder ändern zu wollen. Vertraue darauf, dass durch diese kleine Übung bereits etwas in Bewegung gekommen ist.
Teile so gerne in den Kommentaren, wie es dir mit dem Freien Schreiben ergangen ist!
Wenn du auf den Geschmack gekommen bist und tiefer in das Freie Schreiben eintauchen willst: In meinem Wurzeln, Werte & Visionen Onlineraum findest du ein ganzes Modul inkl. Schreibeinladungen und tiefergehender Impulse dazu, wie du das Schreiben als Ritual in deinen Alltag integrierst und dich auf diese Weise mit dem Leben verbindest.

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