Abschied und Loslassen: die Nacht, in der mein Vater ging
Manche Momente verändern alles. Sie führen uns an den Rand des Begreifbaren – und zeigen uns, dass Liebe stärker ist als alles andere.
Dies ist die Geschichte jener Nacht, in der mein Vater ging. Ich widme sie meinem Vater und teile sie in tiefer Dankbarkeit – in der Hoffnung, dass sie anderen Trost und Mut schenkt, ihren ureigenen Weg des Abschieds zu finden.
Der Moment, der alles veränderte
„Papa ist tot!“
Ich werde nie den angst- und schockerfüllten Gesichtsausdruck meines Bruders vergessen, als er mit weit aufgerissenen Augen und diesem Satz auf den Lippen mittags in meine Küche stürmte. Es war derselbe Ausdruck, mit dem mein Vater eine Woche zuvor frühmorgens in mein Schlafzimmer gestürmt war, um mir entgegenzurufen, dass ich sofort kommen müsse, weil meine Mutter schwer gestürzt war.
Bevor ich überhaupt begreifen konnte, was geschehen war, hastete ich mit meinem Bruder die 32 Treppenstufen hinunter in die Wohnung meiner Eltern – um mich selbst davon zu überzeugen, dass es wahr war, was er da behauptete. Das konnte einfach nicht sein. Er hatte mir doch eben noch die Haustür geöffnet, weil ich meinen Schlüssel vergessen hatte. Wir hatten doch gerade noch über Mama und ihren bevorstehenden Aufenthalt in der Rehaklinik gesprochen.
Mitten im Leben gegangen
Doch da lag er, leicht zur Seite gekippt, auf seinem Platz auf dem Sofa – zwei seiner Schraubenzieher hielt er noch in der linken Hand. Der Hammer war auf den Boden gefallen. Und obwohl er ganz offensichtlich tot war, sah er immer noch so vital und lebendig aus. Typisch Papa.
Einen passenderen Übergang hätte ich mir für meinen Vater nicht vorstellen können. Er auch nicht. Trotz seiner 86 Jahre wurde er mitten aus dem Leben geholt – aus einem Alltag, erfüllt von Arbeit in Haus und Garten. An diesem Tag wollten wir das Schlafzimmer meiner Eltern ins Erdgeschoss verlegen, damit meine Mutter nicht mehr so viele Treppen steigen muss, wenn sie nach Hause kommt. Er war gerade mitten in den Umzugsvorbereitungen gewesen, als sein Herz versagte und seine Seele den Körper verließ.
Wenn die alte Ordnung zusammenbricht
Ich kann mich nicht genau erinnern, was danach passierte. Ich weiß nur noch, dass ich abwechselnd schrie und um Luft rang, mir ständig an den Kopf fasste, während die ersten Gedanken auf mich einstürzten: „Wie soll es jetzt weitergehen?“ und „Ich bin erledigt!“.
Mein Vater und ich hatten meine pflegebedürftige Mutter bisher gemeinsam begleitet. Und jetzt stand ich von einer Minute auf die andere plötzlich allein da – mit einem großen Haus samt Garten, einer pflegebedürftigen Mama, die sich gerade den Oberschenkel gebrochen hatte, meiner beruflichen Selbstständigkeit und einem riesigen Loch, das mein Vater hinterlassen hat.
Abschied und Loslassen: Ein letzter Wunsch
Auch wenn ich an diesem Tag kaum einen klaren Gedanken fassen konnte, wusste ich eins ganz genau: Ich würde meinen Vater nicht aus diesem Haus tragen lassen, bevor ich mich nicht aufrichtig und aus vollem Herzen von ihm verabschiedet hatte. Und so äußerte ich meinen Wunsch, ihn noch eine Nacht bei mir zu behalten. Auch wenn das nicht alle Anwesenden nachvollziehen konnten, respektierten sie mein Bedürfnis.
Zeichen des Abschieds
Nachdem der letzte Trauergast gegangen war und meine Hündin Ronja und ich allein mit Papa waren, bemerkte ich, wie gut er alles – ohne es zu wissen – vorbereitet hatte. Auf dem Küchentresen standen sechs Grablichter, die noch von Allerheiligen übrig geblieben waren. Ich entzündete sie und stellte sie um ihn herum auf.
Auf dem Küchentresen lag auch die Zeitschrift junia von der kfd, die ich bisher nie beachtet hatte. Papa hatte sie wohl kurz vor seinem Tod aus dem Briefkasten geholt. Das Titelbild zeigte eine Engelstatue aus Stein.
„Engel – wo sie uns begegnen, warum sie uns nah sind, was sie für uns sein können“ lautete die Überschrift. Ganz intuitiv blätterte ich durch diese Zeitschrift und blieb an einem fett gedruckten Zitat auf Seite 8 hängen:
„An Engel glaube ich nicht, glaube ich. Aber dann ertappe ich mich doch dabei, wie ich immer wieder Ausschau halte: nach leisen Boten und Gefährtinnen, nach Flüstern und nach Flügelschlag, nach Ich-bin-da-Momenten, die nur mein Herz bis ins Letzte zu verstehen mag.“
Eine wohlige Welle von Trost durchströmte mich.
Dann wollte ich den Kamin anmachen, um für meinen Vater in dieser Nacht das Feuer zu hüten, und stellte fest, dass selbst das schon vorbereitet war. Ich musste nur noch das Feuerzeug ansetzen und dabei wirklich schmunzeln. „Du hast wirklich an alles gedacht“, flüsterte ich ihm zu. Typisch Papa.
Eine heilige Nacht
Und dann ließ ich mich ganz intuitiv durch diese Nacht führen. Mal saß ich neben ihm, um seine kräftige Hand zu halten, dann legte ich wieder mein Ohr auf sein Herz, um mich zu vergewissern, dass es wirklich nicht mehr schlug. Er sah so verdammt friedlich aus, als würde er einfach schlafen, und ich bildete mir ein, ihn noch atmen zu sehen. Immer wieder streichelte ich ihm sanft über seine Wangen und roch an seinen Haaren, um den Duft seines Shampoos ganz fest in mir aufzunehmen. Außerdem fand ich noch einen Pullover, der nach ihm roch, und streifte ihn mir über.
In dieser Nacht sprach und schluchzte ich all das aus, was ich ihm noch zu sagen hatte. In tiefer Dankbarkeit verneigte ich mich vor ihm und seinem Lebenswerk – immer wieder, immer tiefer. Ich machte Musik an, und mein Körper begann wie von selbst, sich zu bewegen. Ich holte meine Trommel dazu, tanzte, sang und trommelte für ihn. „Wunder geschehen“ von Nena und „Konfetti“ von Enno Bunger liefen in dieser Nacht immer wieder – rauf und runter.
Zwischendurch legte ich mich auf die Matratze, die ich mit der Hilfe meines Bruders vor dem Kamin platziert hatte, um ein wenig Schlaf zu finden. Doch die Standuhr im Wohnzimmer meiner Eltern erinnerte mich stündlich daran, dass dies eine heilige Nacht war, von der ich nichts verpassen durfte.
Loslassen
Als es am nächsten Morgen zu dämmern begann, spürte ich, dass nur noch sein Körper anwesend war. Ich gab ihm einen letzten, sanften und von purer Liebe erfüllten Kuss auf seine inzwischen blass gewordenen Lippen. Jetzt konnte ich ihn gehen lassen.
Aus tiefstem Herzen danke, Papa, für diese heilige Nacht mit dir. Ich werde sie für immer in meinem Herzen bewahren. Und eines weiß ich jetzt gewiss: Die Liebe ist stärker als alles, was uns je trennen kann.

Liebe Britta, mit Tränen habe ich „Abschied und Loslassen “ gelesen. Später habe ich Mama den Beitrag vorgelesen. Du hast so passend alle Worte geschrieben und uns mitfühlen lassen. Wir sind unendlich traurig, dass Robert nicht mehr bei uns ist.
Liebe Claudia, vielen Dank fürs Teilen und Mitfühlen. Ja, er fehlt sehr. Und gleichzeitig ist er auch immer da – wenn wir über ihn sprechen, weinen, schreiben oder lesen. Liebe Grüße nach Köln.