Freier Fall ins neue Leben – ein Resümee

Ich stehe auf einem Zehn-Meter-Turm. Meine rot lackierten Zehen berühren die äußerste Kante des Sprungbretts. Ich schwinge vorsichtig auf und ab. Ich blicke in die Tiefe. Nichts als Dunkelheit.

Soll ich springen und in das Meer der Unsicherheiten eintauchen? Oder dahin zurückgehen, wo ich herkomme? Mich weiter in Sicherheit wiegen. Will ich weiter in der Warteschleife meines Lebens verharren und auf meinen Aufruf warten? Werde ich mich nicht immer fragen, was passiert wäre, wenn ich gesprungen wäre? Oder werde ich eines Tages froh sein, nicht gesprungen zu sein?

Das ist eine Szene aus meinem Buch „Aufbruch ohne Pfefferspray“, das ich vor kurzem veröffentlicht habe. In meinem Buch erzähle ich meine biografische Geschichte über meinen ziemlich radikalen Umbruch, den ich vor fünf Jahren erlebt habe.

Als diese Szene entstand, hatte ich mich gerade von meinem Mann scheiden lassen, mit dem ich nur zwei Jahre verheiratet war. Das allein wäre schon genug gewesen. Doch neben meiner Ehe bröckelte auch die berufliche Fassade. Als studierte Wirtschaftsingenieurin war ich damals als Vorstandsassistenz und Abteilungsleitung in einem mittelständischen Unternehmen angestellt. Machtspiele zwischen den Vorgesetzten und Entscheidungschaos standen an der Tagesordnung. Ich war so müde davon. Und todunglücklich.

Ich befand mich zwischen den Welten. Ich passte nirgendswo mehr richtig hinein, hatte aber auch keine Idee, wo ich hingehörte. Wenn ich versuchte, nach vorne zu schauen, war da nur Dunkelheit.

Es gab für mich in dieser Situation genau zwei Alternativen: Entweder ich springe und lasse mich in die Ungewissheit fallen – oder alles bleibt, wie es ist.

Ich bin gesprungen. Nur wenige Monate nach meiner Scheidung kündigte ich meinen Job. Von da an gab es kein Halten mehr. Nach dem Job folgte meine Wohnung, die ich erst ein Jahr zuvor bezogen und liebevoll hergerichtet hatte. Und dann verschenkte oder verkaufte ich mein ganzes Hab und Gut.

Da stand ich nun, völlig nackt und ohne vermeintliche Sicherheiten. Ahnungslos, wo die Reise hingehen würde. Ich wusste nur eins: Ich muss los! Ich wollte frei sein und alles loslassen, was mich an mein altes Leben erinnerte. Ich wollte nochmal von vorne anfangen. Und: ich wollte endlich herausfinden, wer ich eigentlich bin und was ich für mein erfülltes Leben brauche.

Ich hatte keine Ahnung, wie ich das erreichen könnte. Nach diesem Sprung ins kalte, offene Meer blieb mir nur eins: Darauf zu vertrauen, dass die Wellen mich tragen würden.

Das ist jetzt fünf Jahre her. Seit einer Weile beschäftigt mich die Frage, ob ich aus heutiger Sicht wieder springen würde. Oder ob ich, würde ich heute nochmals in der gleichen Situation stecken, die Dinge anders, vielleicht sanfter, angehen würde?

„Gut, dass ich damals nicht wusste, was mich erwartet“

“Gut, dass ich damals nicht wusste, was mich erwartet”, war mein erster Gedanke, der mir dazu einfiel. 

Während ich das dachte, musste ich schmunzeln. Ja, es war wirklich gut, nicht zu wissen, was auf mich zukommen würde. Vielleicht wäre ich dann nicht gesprungen.

Die letzten fünf Jahre waren herausfordernd für mich. Ich habe mich sehr intensiv mit mir auseinandergesetzt. Ich habe mich gefragt, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass ich mich plötzlich in einem Leben wiederfand, dass überhaupt nicht zu mir passte. Dabei kamen alte Glaubenssätze zum Vorschein, denen ich blind gefolgt war. Alte Wunden wurden aufgerissen, die nie richtig verheilt waren und viel Wut kam in mir auf. Wut auf Menschen, die mich mies und respektlos behandelt haben.

Doch viel größer war die Trauer, die sich hinter der Wut verbarg. Die Trauer, dass ich mich so behandeln lassen habe. Denn am Ende musste ich mir eingestehen, dass ich genau die Menschen in mein Leben gezogen hatte, die mir das spiegelten, was ich tief in mir drin über mich selbst geglaubt habe. Das tat weh. Und war gleichzeitig so heilsam.

Heute kann ich sagen: Mich hat der Sprung ins kalte Wasser wachgerüttelt. Ich habe verstanden, dass mein Leben allein in meiner Hand liegt. Ich entscheide, mit welchen Menschen ich mich umgebe, womit ich meine Zeit verbringe, wo und wie ich lebe.
Ich trage die Verantwortung dafür, dass es mir gut geht.

Ich habe vieles losgelassen. Menschen, Erwartungen, Orte, Dinge. Damit habe ich Platz gemacht. Platz für die Menschen, Erwartungen, Orte und Dinge, die viel besser zu mir passen. Natürlich war das nicht immer einfach. Aber es war genau richtig!

Ja, ich würde alles genau wieder so machen. Ich bin mir in diesen fünf Jahren ein großes Stück nähergekommen. Die Wellen haben mich getragen.

Wenn mich dieser Sprung eins gelernt hat, dann das: Ich vertraue dem Leben. Und mir. Mehr Sicherheit gibt es nicht.

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